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Bild ©_Perlenfaenger / Sabine Bengtsson

 

In meinem letzten Beitrag habe ich gefragt, ob Europas Wölfen durch politische Entscheidungen und Abschüsse die Rückkehr zunichte gemacht wird. Die große Resonanz darauf zeigt mir, wie sehr das Thema bewegt. Deshalb möchte ich die Diskussion weiterführen:

Wie kann ein Zusammenleben von Wölfen, Weidetieren und Menschen gelingen – ohne den Wolf wieder zur Zielscheibe zu machen?

Meine Haltung ist klar: Wölfe gehören streng geschützt und sollten nicht abgeschossen werden. Ihre Rückkehr ist ein großer Erfolg des Naturschutzes. Wölfe sind ein existenzieller Baustein gesunder Ökosysteme: Als große Beutegreifer halten sie natürliche Prozesse in Gang. Sie beeinflussen, wo und wie lange sich Pflanzenfresser aufhalten, und können dadurch verhindern, dass einzelne Bereiche dauerhaft überweidet werden.

Wo sich Pflanzen erholen, finden Insekten Nahrung und Lebensraum, wachsen junge Bäume und Sträucher nach, und Vögel sowie andere Arten profitieren von vielfältigeren Lebensräumen. Beutereste bieten Aasfressern Nahrung; über ihre Ausscheidungen tragen Wölfe außerdem zur Verteilung von Nährstoffen bei. So wirken sie weit über ihre unmittelbare Beute hinaus und stärken die biologische Vielfalt. Eine Natur, in der Wölfe wieder ihren Platz haben, ist vollständiger und widerstandsfähiger.

Der Schutz des Wolfs und der Schutz von Weidetieren müssen zusammen gedacht werden. Weidetierhalter brauchen wirksame, praxistaugliche und verlässlich finanzierte Herdenschutzmaßnahmen sowie schnelle und faire Unterstützung bei Schäden. Konflikte und Sorgen verdienen ernsthafte Antworten – aber der Abschuss darf nicht zur bequemen Standardlösung werden. Er beseitigt weder die Notwendigkeit eines guten Herdenschutzes noch die Verantwortung, die ökologischen Folgen menschlicher Eingriffe zu beachten. Wir sollten den Wolf nicht für seine Rückkehr bestrafen, sondern Wege finden, mit ihm zu leben: mit sachlichem Monitoring, guter Beratung und konsequentem Schutz seiner Lebensräume.

Was sagen die Daten über Abschüsse und Weidetierrisse?

In Asturien, Spanien, untersuchten Alberto Fernández-Gil und Kollegen amtliche Daten zu Wolfsabschüssen und Weidetierschäden. Sie fanden, dass Wolfsabschüsse nicht zur Verringerung der Schäden führten. Die Zahl der gemeldeten Schäden stand unter anderem mit der Zahl der Wolfsrudel, der Jagd auf wildlebende Huftiere und den Abschüssen im Vorjahr in Zusammenhang. Die Autoren schrieben, dass auf Wolfsabschüsse ein Anstieg entschädigter Schäden folgte. Ihre Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass die Abschüsse allein diesen Anstieg verursacht haben.

Auch eine Untersuchung aus Lettland wertete Daten aus den Jahren 2004 bis 2022 aus. Die mittlere Zahl betroffener Schafe pro gemeldetem Wolfsangriff stieg von 2,6 im Zeitraum 2004–2009 auf 5,5 im Zeitraum 2017–2022. Die Autoren fanden keinen Hinweis darauf, dass die damalige Bejagung die Weidetierschäden zuverlässig verringerte. Sie kamen zu dem Schluss, dass eine Ausweitung der Abschussquoten nicht die passende Antwort sei und wirksame Schutzmaßnahmen stärker berücksichtigt werden sollten. Auch diese Studie belegt keine einfache Ursache-Wirkung-Kette zwischen Abschüssen und Rissen.

Diese Ergebnisse beweisen zwar nicht, dass Risszahlen nach Wolfsabschüssen überall in Europa steigen. Sie zeigen aber, dass stärkere Bejagung Weidetierrisse nicht zuverlässig verringert – und dass jeder einzelne Abschuss als Lösung sehr kritisch geprüft werden muss. Ich finde: Solange ihre Wirksamkeit nicht überzeugend belegt ist, dürfen sie nicht als Antwort auf Konflikte gelten – und schon gar nicht für eine streng geschützte Tierart wie den Wolf.

(Siehe dazu auch Quellenangaben ganz unten)

Monitoring braucht wissenschaftliche Unabhängigkeit

Ein konsequenter Schutz braucht verlässliche Informationen darüber, wo Wölfe leben und wie sich ihre Populationen entwickeln. In Deutschland wird das Wolfsmonitoring von den zuständigen Stellen der Bundesländer organisiert. Es umfasst wissenschaftliche Methoden wie genetische Analysen, Fotofallen und die systematische Erfassung von Spuren. Das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung leistet dabei wichtige wissenschaftliche Arbeit – besonders in Sachsen und der Lausitz.

Jägerinnen und Jäger können Beobachtungen melden und damit Hinweise beisteuern. Das ersetzt jedoch kein wissenschaftliches Monitoring. Ein Monitoring, das von einer Gruppe verantwortet oder geprägt wird, die sich für den Abschuss von Wölfen und sogar von Wolfswelpen einsetzt, darf nicht an die Stelle unabhängiger Datenerhebung und fachlicher Auswertung treten! Gerade wenn politische Entscheidungen über den Schutz oder die Tötung von Wölfen von Monitoringdaten abhängen, müssen Methoden, Zuständigkeiten und Ergebnisse transparent, unabhängig und überprüfbar sein.

Die wissenschaftliche Bewertung muss unabhängig von den Interessen erfolgen, die aus den Daten politische Forderungen nach Abschüssen ableiten. Nur so kann die Öffentlichkeit nachvollziehen, worauf Entscheidungen beruhen – und ob sie tatsächlich dem Schutz von Weidetieren und Wölfen dienen.

Zu den zentralen wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland gehören:

Weidetiere schützen, ohne Wölfe zu töten

Die Sorgen von Weidetierhaltern nehme ich ernst. Für mich folgt daraus aber nicht, Wölfe abzuschießen. Im Mittelpunkt sollten vorbeugende Maßnahmen stehen: geeigneter Herdenschutz, fachkundige Beratung und verlässliche Unterstützung bei der Umsetzung. Auch Weidetierhalter müssen ihren Teil dazu beitragen und zumutbare, wirksame Schutzmaßnahmen für ihre Tiere einsetzen. Das schützt die Herden vor Übergriffen und hilft zugleich, Konflikte mit Wölfen zu vermeiden – sodass auch die Wölfe nicht durch vermeidbare Situationen gefährdet werden. Wenn trotz angemessener Schutzmaßnahmen Schäden entstehen, brauchen Betroffene schnelle und faire Hilfe.

Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von den Tieren, der Landschaft und den örtlichen Bedingungen ab. Weidetierhalter dürfen mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen werden. Der Schutz von Nutztieren und der Schutz von Wölfen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Für eine konkrete Beratung sind die zuständigen Stellen des jeweiligen Bundeslands am besten geeignet. Das Bundeszentrum Weidetiere und Wolf (BZWW) bündelt bundesweite Informationen zu Herdenschutz, Fördermöglichkeiten und den Anlaufstellen in den Ländern.

Am besten zuerst auf der BZWW-Seite das Bundesland auswählen und dort die zuständige Beratungsstelle oder Förderbehörde kontaktieren.

Neben den bereits genannten Stellen berät auch der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) Weidetierhalter zum Herdenschutz. Sein Projekt „Herdenschutz in der Weidehaltung“ stellt Praxiswissen, Schulungsunterlagen, Videos und Beispiele von Modellbetrieben bereit.

Für eine individuelle Beratung am Betrieb können außerdem die zuständige Landwirtschaftskammer, ein Schaf- oder Ziegenzuchtverband oder ein regionaler Landschaftspflegeverband eine passende Anlaufstelle sein. Das Angebot ist je nach Bundesland unterschiedlich. nutztierhaltung.de

Die Lausitz: Wölfen begegnen, ohne sie zu verfolgen

Die Lausitz ist ein Beispiel dafür, dass Wölfe Teil einer Landschaft sein können, in der Menschen leben und arbeiten. Sie ist kein fertiges Modell für ganz Europa – die Lebensräume und Herausforderungen unterscheiden sich. Aber vor Ort lässt sich erfahren, welche Fragen die Rückkehr der Wölfe aufwirft und warum Wissen, Beobachtung und ein respektvoller Umgang mit Wildtieren so wichtig sind.

Auf unserem Wolfspraxisseminar in der Lausitz vermitteln wir Einblicke in den Lebensraum und die Spuren der Wölfe. Dabei ordnen wir die Erfahrungen vor Ort auch in den größeren europäischen Zusammenhang ein. Eine Sichtung kann nicht versprochen werden und ist auch nicht Fokus dieser Tour: Wölfe sind Wildtiere, und eine Begegnung lässt sich nicht planen. Im Mittelpunkt stehen für uns die Wissensvermittlung zur Koexistenz von Mensch und Wolf, der Erkundung seines Lebensraumes, also der Landschaft mit Naturbeobachtungen und die Wertschätzung eines Tieres, das in Europa lange verfolgt wurde.

Du möchtest die Lausitz und ihre Wolfsgeschichte kennenlernen?

Hier findest du Informationen zu meinen Wolfstouren und Terminen: Praktisches Wolfsseminar in der Lausitz – 3 Tage auf den Spuren der Wölfe

Mein Fazit

Für mich ist die Richtung klar: Wölfe brauchen konsequenten Schutz statt Abschuss. Konflikte müssen ernst genommen und Weidetiere geschützt werden – aber nicht auf Kosten der Tiere, deren Rückkehr wir als Erfolg feiern sollten.

 

Perlenfänger Wolfstouren, bei denen es um Wolfsspuren oder Wolfswissen geht. Denn zu verstehen, heißt zu wissen warum sie geschützt werden müssen!

 

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Bildergalerie aus den verschiedenen Perlenfänger – Wolfstouren in Europa:

 

 

Quellenangaben:

  • Asturien, Spanien: Alberto Fernández-Gil et al., Conflict Misleads Large Carnivore Management and Conservation: Brown Bears and Wolves in Spain, veröffentlicht 2016 in PLOS ONE. Die Studie analysiert unter anderem den Zusammenhang zwischen Wolfsabschüssen und entschädigten Schäden an Nutztieren. National Institutes of Health
  • Lettland: Jurģis Šuba et al., Does Wolf Management in Latvia Decrease Livestock Depredation? An Analysis of Available Data, veröffentlicht 2023 in Sustainability, 15(11), Artikel 8509. Die Studie untersucht Daten von 2004 bis 2022 und kommt zu dem Schluss, dass die damalige Jagdpraxis die Schäden nicht wie erhofft verringerte. MDPI
  • LUPUS Institut: Die offizielle Institutsseite beschreibt, dass LUPUS das Wolfsmonitoring in Sachsen und Südostbrandenburg im Auftrag der zuständigen Landesämter durchführt und andere Bundesländer fachlich berät. lupus-institut.de
  • Monitoring und Totfunduntersuchungen: Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung beschreibt die Zusammenarbeit im Rahmen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), zu der unter anderem LUPUS und weitere wissenschaftliche Einrichtungen gehören. izw-berlin.de