Land´s End - Wo Eisbären Fische fangen

Land´s End – wo Eisbären Fische fangen…

Die Inuits nennen diesen Teil Kanadas – Land´s End. Und so fühlt es sich auch an. Hier wird man dorthin platziert, wo wir eigentlich hingehören: Als einen Teil der Natur, nicht als die Krone der Schöpfung, als die wir uns manches Mal gerne sehen oder danach benehmen. In dieser Welt geht es weder um Zahlen, noch um Ansehen, Status oder Macht. Hier an diesem völlig einsamen und menschenleeren Ort geht es um das Leben oder „Leben lassen“ im doppelten Sinn und um Respekt, wenn man als Mensch auftaucht! Wir werden uns dem Herrscher des Nordpolarkreises nähern – ohne scharfe Waffen, ohne den Schutz eines Fahrzeuges oder eines Zaunes um uns herum. Eisbären haben den Ruf per se gefährlich zu sein. Doch kann man das so pauschal überhaupt sagen? Wir werden es sehen. Alain unser Naturführer führt für wenige Wochen im Jahr, seit 27 Jahren, Menschen zu Fuß in das Territorium dieser Eisbären, ohne bisherige Zwischenfälle.

 

Während ich diese Zeilen schreibe, schaue ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers. Ich wohne in einem kleinen 600-Seelendorf in Schleswig-Holstein. Der Verkehr ist sehr überschaubar und Stress gibt es hier nicht. Und dennoch erscheint es mir wie eine hektische Großstadt. Noch vor wenigen Tagen verbrachte ich die Zeit damit, unter der Naturführung von Alain, Eisbären oder Schwarzbären zu beobachten und meinen ersten eigenen Start mit dem Wasserflugzeug zu absolvieren. Es fühlt sich an, als wäre ich Jahre weg gewesen und ich fühle mich noch etwas fremd in meiner eigentlich vertrauten Umgebung…

 

Denn mehr Wildnis geht kaum… Ich bin bereits viel gereist in der Welt, doch dieser Teil Kanadas hinterlässt tiefe Eindrücke in mir. Ich war am einzigen Ort dieser Welt, an denen Eisbären Lachse fangen! Es ist eine wilde, menschenleere und ungezähmte Natur, bei der das Wasserflugzeug das einzige Transportmittel und die Verbindung zur Außenwelt ist. Wer absolute Stille mag, keine Flugangst hat, wer das Nordlicht tanzen sehen möchte und wer vor allem bereit ist für eine echte Begegnung auf Augenhöhe mit dem König des Nordens, der ist an diesem Ort genau richtig!

 

Als ich eine Anfrage erhielt, ob ich Interesse hätte für eine neue Tour in den Nordosten Kanadas zu fahren, brauchte ich nicht lange überlegen…
Einen Ort, der knapp 1700 km nördlich von Montreal liegt, keinerlei Straßenanbindung besitzt und dazu die Möglichkeit bietet auf Augenhöhe und ohne Abgrenzungen Eisbären zu begegnen – diesen Ort muss ich einfach kennenlernen. In diesem riesigen menschenleeren Gebiet liegt eingebettet, einer der entlegensten Nationalparks der Erde, der Torngat, mit nur ca. 1,3 Besuchern pro Tag.

 

Schon die Anreise ist abenteuerlich. Es geht zunächst nach Montreal. Vor dort fliege ich am nächsten Tag mit einer Maschine der Fluggesellschaft First Air weiter in die Provinz Nunavik – es ist Inuitland. Wir landen in einer kleinen Inuit-Siedlung. Auch hier verbringen wir eine Nacht, bevor es dann mit einer noch kleineren Maschine mit nur 11 Sitzplätzen von Inuit-Air in das Camp geht. Isabelle holt uns vom kleinen Flughafen ab. Sie ist mit einem Inuit verheiratet und lebt hier. Sie möchte uns sowohl die Kultur der Inuits, als auch den Naturlebensraum rund um die Siedlung zeigen und wartet mit einer kleinen Sensation auf: Es ist seit ein paar Tagen eine Herde Moschusochsen rund um das Dorf gesichtet worden und wir möchten natürlich versuchen, sie zu finden, um sie zu beobachten. Doch vorher checken wir in dem kleinen Hotel mit gemütlichen Zimmern ein. Die Siedlung selber wirkt auf mich ein bißchen trist. Die Inuits hängen durch die Kolonialisierung, wie viele andere Naturvölker auch, zwischen zwei Welten. Es gibt Alkoholprobleme und um die Häuser liegt teilweise viel Müll. Sie haben z.Bsp. keine Beschränkungen was die Jagd angeht und dürfen auch geschützte Tiere schießen. Daher hängt es sehr am Einzelnen, ob auch ein Inuit der Natur zuviel entnimmt oder nicht, ob er Eisbären schießt oder Belugawale jagt, auch wenn es heutzutage nicht mehr überlebenswichtig ist. Es gibt sicher immer noch Inuits, die im Einklang mit der Natur leben, doch ich möchte auch nicht verschweigen, dass einige diese Privilegien ausnutzen, um unter der Hand den Abschuss an Trophäenjäger zu verkaufen, oder Tiere nur für die Felle jagen, die sie an Touristen verkaufen. Auch bei den „First Nations“ ist nicht zwangsläufig alles im Einklang mit der Natur und es ist ihnen und ihrem Lebensraum zu wünschen, dass sie den Spagat schaffen zwischen Tradition und Moderne.

 

Isabelle fährt mit uns an den Rand des Dorfes. Von dort gehen wir zu Fuß weiter. Wir sehen auf einem anderen kleinen Berg braune Leiber zwischen den Bäumen und mein Fernglas bestätigt unsere Vermutung. Es ist die Herde der Moschusochsen. Langsam klettern wir den Hang hinunter und auf der anderen Seite wieder herauf. Dabei plagen uns die „Black Flies“, die beißenden Fliegen sind penetrant und es tut echt weh. Aber was erträgt man nicht alles, um diese faszinierenden Moschusochsen aus der Nähe sehen zu dürfen :-) Die Herde hat uns natürlich schon längst bemerkt und der Bulle hat sich schützend vor seinen Mädels und den Kälbern positioniert. Wir bleiben auf respektvollem Abstand, bis sich alle entspannen und sich einige Kühe sogar hinlegen. Vorsichtig gehen wir näher und nehmen auf einer kleinen Anhöhe Platz. Als wäre die Herde zum Modelshooting bestellt worden, fangen sie an sich auf einem Felsen direkt vor traumhafter Kulisise, vor einem Fjord, in Positur zu bringen. Der Bulle beginnt sogar einige seiner Kühe decken zu wollen. Sie fühlen sich absolut ungestört durch unsere Nähe und wir können superschöne Bilder machen. Als jedoch plötzlich ein Mann auftaucht, der völlig unsensibel direkt auf die Herde zuläuft und sie mit seinem Smartphone fotografiert, stellt sich die Herde in einer Reihe auf und der Bulle beginnt brummende Laute von sich zu geben und mit den Hufen zu scharren. Isabelle ruft ihm zu, ob er nicht bemerkt, dass er die Tiere durch sein Verhalten bedroht und das es für ihn gefährlich werden könnte. Er dreht sich erstaunt um und zieht sich dann glücklicherweise etwas zurück. Es ist ein amerikanischer Tourist, der auch in dem kleinen Hotel untergekommen ist. Dieses menschliche Fehlverhalten kann durchaus Wildtieren ihr Leben kosten, denn wenn Menschen dadurch durch Wildtiere verletzt werden, werden diese nicht selten als zu gefährlich eingestuft und erschossen.

 

Für uns ist damit die Wildtierbeobachtung vorbei, wir ziehen uns zurück und verlassen die Herde. Auf dem Rückweg zu dem Hotel fahren wir noch in einem Geschäft vorbei, die handgefertigte Dinge von Inuits verkaufen. Ich finde zwei sehr schöne Kettenanhänger aus Stein gefertigt. Die Fellprodukte aus Robben und anderen Wildtieren finde ich hingegen eher befremdlich und lehne dankend das Angebot ab, mir eine Fellmütze zu kaufen, die aussieht wie von einem Wolf.

 

Am nächsten Morgen fahren wir zurück zum Flughafen. Die kleine Maschine der Air Inuit steht schon auf dem Rollfeld. Mit insgesamt 5 Passagieren und 3 vollen Ölfässern, die im Passagierraum gut festgezurrt werden, fliegen wir in die Richtung unseres Camps. So etwas wäre in Europa undenkar, doch hier transportieren die Maschinen auch alles Notwendige zum Überleben. Die Fässer sollen später unsere kleinen Ölöfen in den Cabins beheizen.

 

Die Piloten die hier fliegen, zählen zu den Besten der Welt, denn sie müssen in der Tundra ebenso landen können, wie auf dem Wasser. Ihre Maschinen fliegen sie dicht über felsige Schluchten und weite Tundra-, und Seenlandschaften. Das Wetter ändert sich in Sekunden, auch damit müssen sie sich hier auseinandersetzen. 2,5 Stunden dauert der Flug zum Camp. Es besteht aus ein paar Holzhütten. Elektrozäune, um die Hütten  vor den Besuchen der Schwarzbären zu schützen, gibt es nicht. Man lebt miteinander in guter Nachbarschaft! Nur die Küchenhütte wird abends bärensicher gemacht. Die Bären kommen in den Sommermonaten nicht ins Camp, auch auf die Toilettenhäuschen, die ein paar Meter außerhalb von den Cabins stehen, kann man gefahrlos nachts gehen. Im Winter kann es schon sein, dass sie das Camp besuchen, sie wissen ganz genau, wann Menschen da sind und wann nicht.

 

Strom gibt es tagsüber nur vom Generator und das Wasser kommt direkt aus dem Fluss. Alles ist einfach, aber sauber und gemütlich. Alain hat dieses Hütten-Camp, ein Zelt-Camp ganz oben im Norden und eine Lodge 100 km weiter südlich seit 1990 behutsam aufgebaut. Er wird es dieses Jahr an seinen Nachfolger abgeben, den er seit 2 Jahren einarbeitet. Denn eines ist ihm wichtig: Der Respekt vor der Natur und den Wildtieren soll auch weiterhin oberste Priorität haben. Die Gruppen sind sehr klein: Maximal 4, selten auch mal 7 Personen. Im Camp leben während der Sommermonate ein Koch, zwei Piloten und ein Naturführer. Ab Mitte September wird das Camp geschlossen, dann wird es zu ungemütlich und zu kalt über den Winter. Die Cabins sind ungedämmt und haben nur eine kleine Ofenheizung.

 

Das Zelt-Camp, noch einmal eine Flugstunde nördlicher, ist noch mehr Abenteuer. Bestehend aus runden jurtenartigen Zelten, stehen dort ein Küchenzelt, ein Esszelt, ein Wasch-, und Toilettenzelt sowie 5 Zelte für Koch, Pilot und den Teilnehmern. Es liegt direkt an einem Fjord und als wir dort ankommen, finden wir gleich zu Beginn frische Eisbärenspuren, die direkt am Camp vorbei führen.

 

Es steht mitten im Eisbärgebiet und ist daher durch eine solide Elektroumzäumung geschützt. Von diesem Ort kann man zu Fuß an einen Fluß wandern an dem Eisbären Jagd auf Fische machen. Selten können sogar Wölfe beobachtet werden, die den Karibus folgen und häufig Lemminge sowie Schnee-Eulen, die  direkt um das Camp herum leben. Es kommen bisher überwiegend Naturfilmer hierher, um von diesem Basislager aus die Natur und die Wildtiere zu filmen. Doch gerade für naturverbundene Menschen, die das Außergewöhnliche lieben oder immer schon davon geträumt haben, einmal im Leben etwas wirklich Einzigartiges machen zu wollen, sind hier genau am richtigen Ort.

 

Dorthin werde ich daher ab nächstes Jahr Naturtouren anbieten. Es ist perfekt geeignet für Menschen, die immer schon mal ein echtes Natur-Abenteuer inmitten vollkommener abgeschiedener ungezähmter Wildnis unter Wildtieren verbringen möchten, jedoch weder über die Möglichkeiten verfügen auf eigene Faust mit einem Wasserflugzeug in solche Gebiete zu gelangen, bzw. ausreichende Wildnisskenntnisse besitzen. Denn bis nach Montreal sind es wie gesagt 1700 km ohne Straßenverbindung und zur nächsten kleinen Inuit-Siedlung liegen 300 km Luftlinie ebenfalls ohne Straßenanbindung. Mit einem einheimischen Natur-, und Wildnisführer ist diese Reise-Erfahrung sicher mit Abstand eines der letzten großen Abenteuer für Naturreisende und Naturfotobegeisterte.

 

Durch die jahrzehntelange Erfahrung von Alain, ermöglicht er es uns ganz nah in das „Wohnzimmer“ der Polarbären zu gelangen, ohne sie zu stören. Sehr behutsam und respektvoll nährern wir uns über Tage den 4 Eisbären, die an einem Küstenabschnitt nach Fischen in einem Fluss jagen. Er berichtet, dass immer mal wieder Biologen schreiben, sie tun dies seit kurzem wegen des Klimawandels. Auch ich hatte es vor der Reise so gelesen. Es ist das einzige Mal, dass ich ihn verärgert erlebe, da es eine Lüge ist.
Denn Alain erzählt mir, dass bereits vor 200 Jahren Fallensteller, die in dieses Gebiet kamen, Aufzeichnungen machten und davon berichteten. Auch für die damaligen Ureinwohner war es ganz normal, dass in dieser Region die Polarbären in Flüssen Fische fangen, ebenso wie seine braunen und schwarzen Verwandten. Sie geben dieses Wissen stets an die nächste Generation weiter und es hat ausnahmsweise einmal nichts mit dem Klimawandel zu tun!

 

So befinde ich mich nun also an einem Ort, der weltweit einzigartig ist. Es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, dass ich es erleben darf. Das Jahr war hart für die Eisbären, das Wasser stand zu hoch in den Flüssen, so dass die Fische relativ unbehelligt hochschwimmen konnten. Auch hat der Fischbestand insgesamt stark abgenommen. Die Meere sind überfischt und jedes Jahr zieht es zudem weltweit tausende Angler an die Flüsse, um die Lachse vor ihrer Fortpflanzung zu fangen.

 

So sitzt denn auch ein circa 4 Jahre alter Eisbär seit Stunden am Fluss und wartet vergeblich darauf, dass ein Fisch vorbei zieht. Ich bewundere seine Geduld und vor allem seine Hartnäckigkeit nicht aufzugeben.
Als wir an diesem Morgen mit dem Wasserflugzeug aufbrachen, konnte noch niemand ahnen, welche ungewöhnlichen Erlebnisse der Tag für uns bereit halten sollte.

 

Um die Eisbären nicht zu stören, „parkt“ Alain sein Wasserflugzeug viele Kilometer vor der Küste in einem See. Wir wandern durch meterhohe Büsche, steinige Flüsse und sumpfige Tundra zum Küstenabschnitt an dem ein Fluss ins Meer mündet. Hier leben sie, die weltweit einzigen Fisch fangenden Eisbären. Vom Camp aus ist es zu diesem Küstenabschnitt ein etwa einstündiger Flug mit seiner Cessna Eighty One von 1966. Wir überfliegen menschenleere Natur, Seen in allen Blau-, und Grüntönen, tiefe Schluchten und schneebedeckte Berge. Manchmal kann man auch Karibus und Schwarzbären aus der Luft sehen.

 

Als wir in der selben Bucht landen, in der wir einen Tag zuvor das seltene Glück hatten gleich 4 Eisbären zu finden, brauchen wir diesmal nicht lange wandern, um ebenfalls auf eine Schwarzbärin mit 3 Jungen zu treffen. Zwei kleinere Bärenkinder spielen vor einer Höhle, während das Dritte seiner Mutter um einen großen Felsen folgt. Als sie uns entdeckt, stellt sie sich auf zwei Beine und nimmt Witterung auf. Sofort eilen alle Jungen zur Mutter und sie zieht sich weiter in die Felsen zurück. Doch als wir uns hinsetzen und ruhig verhalten, können wir sie eine Weile beobachten.

 

Auf unserer weiteren Wanderung prüfen wir mit dem Fernglas, ob sich Eisbären in unserer Nähe befinden. Zu Beginn der Tour war uns zunächst nicht ganz geheuer einfach so ungeschützt in ihr Territorium zu Fuß zu laufen. Es ist unübersichtlich und sie könnten sich hinter jedem Felsen aufhalten. Eisbären sind das größte Landraubtier der Erde. Sie haben im Sommer wenig Nahrung und sind entsprechend hungrig. An anderen Orten, wo man Eisbären begegnen kann, sitzen die Menschen zumeist in sehr hohen 4×4 Bussen, oder sind hinter einem Zaun. Der wohl berühmteste Ort dafür ist sicher Churchill in Kanada. Doch dort ist es mehr ein Spektakel und man hatte früher unter den Bussen Futter angebracht, damit die Bären ganz nah kommen.

 

All so etwas gibt es hier nicht. An diesem Ort sind die Polarbären die eingeschränkten Herrscher ihres Territoriums. Sie bestimmen die Spielregeln und wir benehmen uns wie gute Gäste – zurückhaltend und respektvoll. Daher hat Alain auch keine scharfe Waffe mit, sondern lediglich laute Schreckschusspistolen und 2 Emailebecher, um durch Lärm auf uns aufmerksam zu machen. Nichts ist schlimmer, als einen Eisbären zu überraschen. Seit 27 Jahren ist er damit gut klar gekommen und es hat nie einen Unfall gegeben. Er weiß wie weit man den Abstand einhalten muss, wann man näher kommen darf und wann es auch einmal Zeit ist die Schreckschusspistole einzusetzen.

 

Das A&O ist es ihre Körpersprache lesen zu können. Die lange Zeit der Beobachtung ohne Zwischenfälle zeigt bereits, wie sehr wir Menschen gerade den Bären Unrecht tun! Denn sollten sie es auf jemanden abgesehen haben, gäbe es nicht mal den Hauch einer Chance!  Polarbären sehen durch die schwarzen Knopfaugen und die schwarze Nase mit dem weißen Plüschfell doppelt kuschelig aus im Vergleich zu ihren dunklen Verwandten. Doch Kuscheltiere sind sie keineswegs, Bestien allerdings auch nicht!

 

Schon von weiten sehen wir einen großen Eisbären gemütlich auf einem Felsen schlafend liegend. Der Vorteil um diese Jahreszeit: Weißes Fell auf grauem Stein! Ab Oktober, wenn der Schnee fällt, sind sie perfekt getarnt!

 

Einen zweiten Bären entdecken wir oben auf einer Felsplatte. Auch er liegt gemütlich auf dem Felsvorsprung und hat seine Augen fest geschlossen. Es ist ein absolutes Wunder wie leichtfüssig diese Kolosse selbst steile Felswände herauf und herunter klettern. Ein Bär klettert und springt die letzten Meter sogar ein paar Meter eine fast 75° Wand herunter. Das hat selbst Alain in all den Jahren so noch nie gesehen.

 

Wir begeben uns auf den höchsten Felsen in der Bucht und sondieren zunächst die Lage: Zwei schlafende Eisbären und ein umherwandernder Polarbär am Küstenrand.

 

Dann hören wir ein lautes Geräusch am Fluss, Alain wagt sich alleine vor und gibt Zeichen, dass wir folgen können. Wir haben großes Glück, ein etwa 4 Jahre alter Eisbär ist dort und versucht Fische zu fangen.

 

Mit absoluter Ruhe und unter höchster Konzentration bewegen wir uns langsam in seine Richtung. Als er uns bemerkt, stellt er sich auf 2 Beine, um uns besser sehen zu können. Wir bleiben ruhig und entspannt, so dass sich auch der Bär wieder seiner Tätigkeit, dem Fische fangen, zuwendet.

 

Als wir eine gute Position erreicht haben, können wir ihn mehrere Stunden, reglos verharrend, sehr gut beobachten. Er läuft durch das Wasser, taucht seinen Kopf dabei vollständig unter und prüft wo Fische sind. Dann wieder sitzt er eine gefühlte Ewigkeit auf einem Stein und schaut in den Fluss. Auf einmal steht er auf und dreht mit seinen mächtigen Pranken große Steine im Fluss um. Er scheint einen Fisch entdeckt zu haben und jetzt geht es ganz schnell. Er treibt ihn in ein kleines natürliches Becken und fängt ihn. So als ob er prüfen möchte, dass wir ihm den Fisch nicht abspenstig machen wollen, schaut er zu uns herüber und klettert dann an der gegenüberliegenden Felswand auf einen Vorsprung, um dort den Fisch in Ruhe zu verspeisen. Danach sitzt er wieder einige Stunden reglos am Fluss. Doch einen zweiten Fisch kann er nicht erjagen. Ganz schön wenig für so ein großes Tier, denke ich bei mir und wie behaarlich und geduldig er dabei bleibt.

 

Abends im Camp sagt eine Schweizerin, die zusammen mit ihrem Mann und einem anderen Paar zum Fischen nach Kanada geflogen sind und uns nur einen Tag begleitet haben, um Eisbären zu beobachten: Wie langweilig es ihr war, einen überwiegend schlafenden Bären zu beocbachten, sie hätte sich mehr Action erhofft. Ich kann mir einen Kommentar nicht verkneifen und versuche es so höflich wie möglich zu sagen. Denn ich empfinde diese Bemerkung zynisch. Denn was sie als langweilig betrachtet, ist für diesen Bären das pure Überleben. Er muss den ganzen Sommer lang kämpfen, um nicht zu verhungern bevor die Eiszeit kommt, um dann wieder fette Robben fangen zu können. Jede unnötige Energieverschwendung wäre purer Leichtsinn und das er da solange sitzen muss, ist auch uns Menschen anzulasten. Wenn wir nur soviel Fisch fangen würden, wie wir wirklich brauchen, hätte er weitaus mehr zur Verfügung und müsste nicht solange dort sitzen. Doch zum Glück sind diese Leute nur diesen einen Tag dabei gewesen.

 

Die Tage im Camp sind extrem intensiv und abwechslungsreich. Selbst wenn das Wetter dem Fliegen einen Strich durch die Rechnung macht, gibt es immer sehr gute Alternativen. So unternehmen wir an einem Regentag eine Tour mit dem Boot und gehen wandern, oder versuchen einen Schwarzbären, der auf der anderen Uferseite des Camps ist, näher zu beobachten, indem wir durch meterhohe Büsche auf eine wunderschöne Anhöhe wandern. Von hier hat man nicht nur einen tollen Rundumblick, sondern es gibt auch viele Beerenarten, die alle essbar sind und am nächsten Morgen in unseren Pancakes wieder auftauchen.

 

Bei einem der Wasserflugzeug-Trips zu den Polarbären haben wir eine ganz besondere Begegnung mit einem ganz kleinen Tier. Kaum das das Flugzeug fest verankert ist und wir am Ufer unsere Rucksäcke schultern wollen, erscheint ein Wiesel. Es läuft irre schnell zwischen den Steinen hin und her und schaut ständig zu uns herüber. Es wirkt wenig scheu, wahrscheinlich sieht es zum ersten Mal Menschen in seinem Leben. Alain ist sehr erstaunt, ein Wiesel so weit nördlich zu sehen. Er sagt, dies ist auch für ihn in all den Jahren das erste Mal es soweit oben im Norden eines zu sehen. Wir imitieren das Geräusch einer Maus und schon kommt er noch näher. Wir stehen ganz still und das Wiesel sitzt ca. 50 cm vor uns und schaut uns an. Es ist sehr niedlich und total verspielt. Es versucht sogar in unsere am Ufer liegenden Watstiefel zu klettern.

 

Doch irgendwann hat es wohl echte Beute gehört und verschwindet zwischen den Steinen. Wir brechen auf, um an die Küste zu gelangen, in der Hoffnung unsere 4 Eisbären wieder zu finden. Sie sind nicht ortstreu, dafür können sie ausgiebig schwimmen, klettern und laufen. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wenn sie dort an bereits 2 Tagen zu sehen waren, sie auch heute dort sind.

 

Von weitem können wir zwei weiße Punkte auf großen Steinen ausmachen. Es könnten welche sein, doch dafür müssen wir näher heran. Als wir das felsige Ufer erreichen, sind wir wie immer sehr aufmerksam, um nicht einen eventuell direkt hinter dem nächsten Felsen verdeckten Eisbären zu überraschen. Es ist immer besser für beide Seiten, wenn man voneinander weiß…

 

Doch heute sind nur 2 Bären da und beide befinden sich im Schlafmodus. Ein Bär liegt oben auf einer Felsenwand und schläft tief und fest. Der andere liegt auf einem Stein im Meer. Es wirkt, als wären die Felsen für die Bären, wie für uns, eine bequeme Matratze.

 

So ziehen wir uns auf eine kleine Anhöhe zurück und nehmen unser Lunchpaket ein. Wildtierbeobachtung bedeutet ganz viel Geduld und Warten. Nach einiger Zeit wacht der Bär in der Felsenwand auf. Er blinzelt zu uns herüber und erhebt sich gemächlich. Er klettert herunter und beginnt Beeren zu essen. Um uns kümmert er sich überhaupt nicht, nach einer Weile trottet er zum Strand und legt sich dort auf einen großen Felsen, um seinen Mittagsschlaf fortzusetzen.

 

Der andere Bär zeigt ebenfalls keine Anzeichen aufzuwachen. Doch langweilig wird es nie. Wir entdecken zwei Fischadler, die in der Nähe des Bären im flachen Wasser sitzen. Einer der beiden Adler badet wie eine Taube und reinigt sein Federkleid im Wasser. Der Andere fliegt ab und zu los um nach Fischen Ausschau zun halten. Beide halten sich lange dort auf, so dass wir ausreichend Gelegenheit haben sie zu beobachten.

 

In der Zwischenzeit ist der zweite Bär aufgewacht und läuft zwischen den Felsen hin und her. Er wandert Richtung Fluss und taucht ab und zu seinen Kopf unter Wasser. Doch da sich anscheinend keine lohnende Beute in der Flussmündung befindet, wandert er auf eine Tundrafläche, wo viele leckere Beeren wachsen.

 

Dann kugelt er sich im wahrsten Sinne den Hang herunter und rutscht das letzte Stück auf dem Bauch. Auch dieser Tag war einfach unbeschreiblich, mit Eindrücken die ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde. Wir beschließen zum Flugzeug zurück zu kehren, um rechtzeitig zum Abendessen da zu sein.

 

Im Flieger hat Alain eine Überraschung für mich. Er schenkt mir zu meinem Geburtstag meinen ersten eigenen Start mit seiner Cesna Eighty One :-) Ich durfte zwar schon mal in der Luft das Flugzeug lenken, doch es zu starten ist noch mal eine Schippe drauf. Ich nehme auf dem Co-Pilotensitz Platz und befolge sehr genau die Anweisungen von Alain. Zum Glück könnte er jederzeit eingreifen, muss er aber nicht. Wilma, mit der ich mir die Cabin teile, sitzt hinten und filmt meinen ersten Start. Es macht irre viel Spaß und wenn ich das Geld über hätte, würde ich sofort eine Fluglizenz machen. Gerade das Fliegen mit einem Wasserflugzeug macht total Laune…

 

Nach dem Essen erhalten wir die Info, dass heute Abend eine hohe Wahrscheinlichkeit ist, Nordlichter zu sehen. Ich hoffe es sehr. Denn obwohl ich schon mehrfach in Nordlichtregionen war, hat es bisher nie geklappt. Wilma, mit der ich mir die Cabin teile und ich, haben uns den Wecker gestellt und sind fest am schlafen, als es plötzlich gegen unsere Tür hämmert: Polarlicht, ihr müsst rauskommen – es ist überwältigend!

 

Im Schlafanzug in unsere Schlafsäcke gehüllt, stürzen wir heraus und setzen uns auf die Treppe vor unserer Cabin. Wilma, die schon oft Nordlichter gesehen hat, ist total überwältigt. So etwas hat auch sie in dieser Intensität noch nie gesehen. Von grün, über rot und gelb tanzen sie über uns am Himmel. Ein unvergleichliches Naturschauspiel und was für ein fulminanter Abschluss dieser Wildnistage….

 

Am nächsten Mittag holt uns das kleine Flugzeug ab und bringt uns zurück in die Inuit-Siedlung. Es landet beim Camp auf einer steinigen Naturpiste, die relativ kurz ist. Der Rückflug ist wunderschön und all die Erlebnisse der letzten Tage gehen mir durch den Kopf. Am liebsten wäre ich noch geblieben… Doch ab dem 11.09 wird das Camp sowieso in die Winterpause gehen. Zu hart sind die Temperaturen und zu hoch liegt der Schnee. Dann gehört das Camp wieder den Wildtieren und das ein oder andere von ihnen nutzt die Cabins als Winterquartier – bis zum Frühsommer. Dann wird es erneut Menschenterritorium und die Wildtiere ziehen sich zurück in die Weite der wilden und unberührten Tundralandschaft…

 

Vielleicht bis nächstes Jahr im Wildnis-Camp, am schönsten Ende der Welt – Eure Sabine Bengtsson

 

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