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Bild ©_Wolflandtours / Stephan Kaasche

Europas Wölfe sind keine Jagdtrophäe und kein politisches Symbol. Sie sind Wildtiere, die ihren Platz in einem funktionierenden Ökosystem haben. Doch in Europa wird dieser Platz erneut infrage gestellt. Nach Jahren der Erholung lockern Staaten den Schutz, setzen Abschussquoten fest und eröffnen Jagdzeiten. Wer behauptet, damit werde lediglich ein Konflikt geregelt, muss sich eine unbequeme Frage gefallen lassen: Wo endet „Bestandsmanagement“ – und wo beginnt die erneute systematische Verfolgung des Wolfs?

Bei Perlenfänger begegnen wir Wildtieren mit Respekt – nicht als Kulisse und nicht als Trophäe. Eine Sichtung lässt sich nicht bestellen. Gerade deshalb ist es erschütternd, wenn ein Tier, dessen Rückkehr für viele Menschen ein Zeichen lebendiger Natur ist, wieder zum Ziel organisierter Abschüsse wird.

Europas Wölfe: Vom Comeback zur erneuten Verfolgung oder Ausrottung?

Es gibt Begegnungen in der Natur, die sich nicht planen lassen. Vielleicht hören wir nur ein Heulen in der Ferne. Vielleicht entdecken wir eine Spur im Schnee – oder sehen gar keinen Wolf. Für uns bei Perlenfänger gehört genau das zu einer echten Wildnisreise: Die Natur entscheidet, was sie preisgibt. Wildtiere sind keine Attraktion, die auf Bestellung erscheint, sondern freie Lebewesen in ihrem eigenen Lebensraum.

Umso schwerer wiegt die Frage, welche Zukunft Europa dem Wolf zugesteht. Nach Jahrzehnten der Verfolgung war seine Rückkehr eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Doch statt dieses Erfolges mit langfristigen Lösungen für das Zusammenleben zu sichern, wird der Schutz des Wolfs inzwischen wieder gelockert. Steht Europa damit am Anfang einer neuen Phase der Verfolgung oder sogar Ausrottung?

Schutz gelockert, Abschüsse ermöglicht

2025 wurde der Schutzstatus des Wolfs unter der Berner Konvention von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabgestuft. Das ist kein europaweiter Freibrief, Wölfe beliebig zu töten. Aber die Herabstufung erleichtert es Staaten, Abschüsse zuzulassen – und sie hat den politischen Spielraum für eine härtere Regulierung vergrößert. In Deutschland wurde 2026 eine Gesetzesänderung beschlossen, die Wölfe unter bestimmten Bedingungen jagdbar macht und eine Jagdzeit vom 1. Juli bis zum 31. Oktober vorsieht.

Die Folgen sind nicht bloß theoretisch. In Schweden wurden während einer Jagd im Januar 2025 innerhalb eines Tages zehn Wölfe geschossen; insgesamt waren 30 Tiere zum Abschuss freigegeben. Das Ziel der Regierung war, die Zahl der Wölfe weiter zu senken. In der Slowakei wurden für die Jagdsaison 2025/26 Abschüsse von 74 Wölfen genehmigt. In der Schweiz, Österreich und auch in Deutschland wurden und werden durch legale und illegale Tötungen die Wolfspopulationen dramatisch geschwächt.

Wenn Regierungen ausdrücklich darauf zielen, Wolfspopulationen zu reduzieren, und Jagdverbände solche Maßnahmen politisch vorantreiben, dann ist es zu bequem, die Entwicklung als neutrale „Regulierung“ zu beschreiben. Der Wolf wird nicht nur verwaltet. Er wird erneut zum erklärten Ziel einer Jagdpolitik, die seinen Bestand verkleinern soll. Ob daraus in einzelnen Regionen eine erneute Ausrottung wird, lässt sich nicht pauschal behaupten. Aber eine Politik, die Bestände immer weiter absenkt, setzt genau das aufs Spiel, was der jahrzehntelange Schutz wieder möglich gemacht hat: die Rückkehr des Wolfs.

Wolfswelpen im Fadenkreuz

Besonders schwer wiegt, dass die deutsche Jagdzeit in die Phase der Welpenaufzucht fällt. Der Deutsche Tierschutzbund warnt, dass Wölfe zwischen Juli und Oktober noch abhängig von ihren Eltern und dem Rudel sein können. Werden erwachsene Tiere getötet, können Jungtiere zurückbleiben; werden Welpen, oder Jungtiere selbst geschossen, wird die gezielte Tötung der Schwächsten zur staatlich ermöglichten Jagdpraxis. Das ist keine Randfrage der Ausgestaltung, sondern eine ethische Grenze. Quelle: tierschutzbund.de 

Auch der Blick auf illegale Tötungen in Polen mahnt zur Vorsicht – allerdings muss genau benannt werden, was die Zahlen aussagen: Eine Studie erfasste zwischen 2002 und 2020 insgesamt 54 illegal getötete, erschossene Wölfe; darunter waren 18 Welpen. Diese Daten belegen nicht, dass legale Jagd dieselben Folgen hat. Sie zeigen aber, dass junge Tiere keineswegs von menschlicher Verfolgung verschont bleiben. Eine Jagdzeit, die mit der Aufzucht überlappt, macht den Schutz von Welpen und Elterntieren umso dringlicher.
Quelle: ScienceDirect

Ein Welpe ist kein abstrakter „Bestand“, der reguliert werden soll, sondern ein abhängiges Lebewesen. Gerade in der Zeit, in der er auf den Schutz und die Versorgung durch das Rudel angewiesen ist, muss die Frage nach den Folgen eines Abschusses besonders ernst genommen werden. Wer Natur als Lebensraum versteht, kann solche Tiere nicht einfach als hinnehmbaren Kollateralschaden behandeln. 

Wer in dieser Zeit erwachsene Tiere tötet, nimmt in Kauf, dass junge Wölfe ohne ihre Eltern zurückbleiben. Das ist keine abstrakte Frage der „Regulierung“, sondern eine konkrete Frage des Tierschutzes. Wie kann es als verantwortungsvolles Wildtiermanagement gelten, eine Jagdzeit in die Phase zu legen, in der Welpen auf die Versorgung durch ihr Rudel angewiesen sind, oder selbst zur Zielscheibe werden?

Jagdverbände sind nicht unbeteiligte Beobachter

Die Jagdverbände treten in dieser Debatte nicht nur als neutrale Sachverständige auf. Sie sind Interessenvertretungen – und ihre Forderungen können politische Entscheidungen beeinflussen. In Schweden berichteten Naturschützer und Journalisten, Jagdorganisationen hätten erheblichen Einfluss auf die Wolfsdebatte und auf regionale Entscheidungen über Abschüsse. In Deutschland begrüßte der Deutsche Jagdverband die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht.

Das muss klar benannt werden: Wenn Verbände Abschüsse fordern, eine Herabsetzung des Schutzes unterstützen oder politische Entscheidungen zugunsten der Jagd beeinflussen, tragen sie Verantwortung für die Folgen. Dazu gehört auch die Frage, ob ihre Argumente vollständig und wissenschaftlich belastbar sind. Wer Angst vor dem Wolf schürt, einzelne Vorfälle verallgemeinert oder Abschüsse als alternativlos darstellt, betreibt keine sachliche Aufklärung. Er verschiebt die Debatte – weg von wirksamem Herdenschutz und regionalen Lösungen, hin zur Forderung, weniger Wölfe zu dulden.

Natürlich sind nicht alle Jägerinnen und Jäger einer Meinung. Viele verstehen sich als Naturschützer und lehnen die Wolfsjagd ab. Aber wenn die Verbände, denen sie angehören, öffentlich eine gegenteilige Politik vertreten, darf man fragen: Warum widersprechen diese Jäger nicht laut und sichtbar? Warum distanzieren sie sich nicht von Forderungen, die sie ablehnen? Und wenn ein Verband ihre Haltung nicht mehr vertritt: Warum bleiben sie Mitglied?

Auf diese Fragen gibt es keine pauschale Antwort. Schweigen beweist nicht automatisch Zustimmung. Aber es hat eine Wirkung: Nach außen kann es so aussehen, als stehe die gesamte Jägerschaft hinter der Forderung, Wölfe stärker zu bejagen. Wer das nicht will, muss seine Gegenposition sichtbar machen – öffentlich, im Verband und, wenn nötig, auch durch den Austritt. Wer Mitglied bleibt und sich nicht äußert, überlässt anderen die Deutungshoheit.

Auch Perlenfängers Blick auf Natur heißt nicht, Konflikte zu leugnen oder den Wolf zu verklären. Er heißt, ihn als Wildtier ernst zu nehmen – als Teil eines Lebensraums, den wir mit anderen Lebewesen teilen. Die Frage sollte deshalb nicht nur lauten, ob Wölfe getötet werden dürfen, sondern vor allem, wie ein Zusammenleben gestaltet werden kann, dass Menschen und Weidetiere schützt, ohne den Wolf pauschal zum Störfaktor zu erklären und anzuerkennen, dass er eine Schlüsseltierart für ein gesundes Ökosystem ist.

Konflikte lösen – nicht den Wolf beseitigen

Die Sorgen von Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern sind real und verdienen Unterstützung. Daraus folgt aber nicht, dass Abschüsse die Antwort sind. Herdenschutz, Beratung, Entschädigung und regionale Maßnahmen müssen konsequent finanziert und umgesetzt werden. Eine Jagdpolitik, die vor allem darauf setzt, weniger Wölfe zu haben, darf nicht als erfolgreiche Konfliktlösung ausgegeben werden, solange nicht gezeigt wird, dass sie Schäden tatsächlich verringert. Fachleute und Naturschutzorganisationen warnen, dass die Zerschlagung von Rudeln die Situation verschärfen kann, wenn junge, unerfahrene Tiere zurückbleiben.

Dazu gibt es verschiedene Beispiele aus europäischen Nachbarländern, bei denen die Risszahlen stiegen, nachdem Wölfe bejagt wurden. Was auch logisch ist, wenn Elterntiere getötet werden, haben es entweder ein Elternteil oder zurück gebliebene Jungwölfe ungleich schwerer Wildtiere zu erbeuten. Um nicht zu verhungern, sind sie gezwungen auf leichtere Beute auszuweichen. Daher fallen Weidetiere von ungenügendem oder gar keinem Herdenschutz Wölfen zum Opfer! Leidtragende dabei sind die Weidetiere und die Dämonisierung der Wölfe aufgrund menschlichen Fehlverhaltens. 

Eine erneute Ausrottung muss nicht ausdrücklich auf einem Gesetz stehen, um als Risiko in den Blick zu gehören. Wenn Schutz gelockert, Abschüsse politisch oder durch Lobbyverbände gefordert, Bestände gezielt verkleinert werden, ist die Sorge vor einer Wiederholung der Vergangenheit berechtigt. Europa hat den Wolf einst nahezu aus seinen Landschaften verdrängt. Heute entscheidet sich, ob wir aus dieser Geschichte gelernt haben – oder ob wir denselben Weg erneut einschlagen, nur unter einem anderen Namen.

Für mich bedeutet Naturerleben auch, die unbequemen Konsequenzen menschlicher Entscheidungen nicht auszublenden. Der Wolf ist kein Symbol, das man nach Belieben willkommen heißt oder beseitigt. Er ist ein Teil der europäischen Natur. Ihn zu schützen heißt nicht, Konflikte zu leugnen. Es heißt, ihnen zu begegnen, ohne die einfachste und endgültigste Lösung zu wählen: das Tier zu töten.

Was wir schützen, sollten wir auch verstehen

Bei Perlenfänger begegnen wir der Natur nicht als Kulisse und Wildtieren nicht als Trophäen. Unsere Touren sollen dazu beitragen, Zusammenhänge zu verstehen und Respekt für das Leben im natürlichen Lebensraum zu entwickeln. Wir versprechen keine Sichtungen und greifen nicht ein, um Tiere anzulocken. Eine Spur, ein Ruf oder auch ein Tag ohne Wolf kann Teil einer echten Naturerfahrung sein.

Wer Wölfe in freier Wildbahn erleben möchte, sollte sie nicht nur als Symbol in einer politischen Debatte sehen. Wölfe sind faszinierende Tiere – und zugleich Teil komplexer Ökosysteme. Ihnen mit Respekt zu begegnen heißt auch, die Herausforderungen für die Menschen vor Ort nicht auszublenden. Naturschutz wird dann glaubwürdig, wenn er beides ernst nimmt: den Schutz der Tiere und die Lebensrealität der Menschen, die mit ihnen leben.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Mensch oder Wolf „gewinnen“ muss. Sie ist, ob Europa bereit ist, in tragfähige Lösungen zu investieren, bevor die Antwort wieder vor allem im Töten gesucht wird. Eine Rückkehr des Wolfs ist ein Erfolg – aber kein Selbstläufer. Sie braucht Wissen, Geduld, wirksamen Herdenschutz und den politischen Willen, Raum für Wildnis zu bewahren.

Informieren statt Mythen weitertragen

Wer sich eine eigene Meinung über Wölfe bilden möchte, sollte nicht bei zugespitzten Schlagzeilen und Social-Media-Behauptungen stehen bleiben. Es gibt gute Möglichkeiten, mehr über die Lebensweise der Tiere, die Forschung und das Zusammenleben mit Menschen zu erfahren.

  • Der Tierfilmer und Wolfskenner Sebastian Körner zeigt in „Wölfe und Menschen – Wege zur Koexistenz“ Wölfe und ihre Lebensweise. Der Film ist eine gute Ergänzung zu hitzigen Debatten, weil er den Blick wieder auf die Tiere und die Frage richtet, wie ein Zusammenleben möglich ist. Wölfe und Menschen
  • Eine wichtige Anlaufstelle für wissenschaftliches Wissen ist das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung. Dort geht es um Monitoring und Forschung – also darum, Wolfsvorkommen und Spuren systematisch zu erfassen und Erkenntnisse über die Tiere zu gewinnen. Auch die Beobachtungen und Funde aus unserem Wolfsseminar in der Lausitz werden an das Institut für das Wolfsmonitoring weitergegeben. Lupus Institut
  • Der Wolfspodcast von Sabine Sebald informiert sachlich seit über 2 Jahren zum Wolf. Wolfspodcast
  • Und wer den Lebensraum der Wölfe nicht nur aus Filmen kennenlernen möchte, kann mit Perlenfänger und Wolflandtours am Wolfspraxisseminar in der Lausitz teilnehmen. Gemeinsam mit erfahrenen lokalen Fachleuten gehen die Teilnehmenden auf Spurensuche und erfahren, wie Wolfshinweise dokumentiert werden und was das Monitoring leistet. Eine Wolfssichtung können wir nicht versprechen – sie ist auch nicht der eigentliche Zweck. Im Mittelpunkt stehen Wissen, respektvolle Naturbeobachtung und die Frage, wie Koexistenz vor Ort aussehen kann. Wolfspraxisseminar

Denn wer den Wolf schützen oder seine Zukunft beurteilen will, sollte zunächst versuchen, ihn zu verstehen – als Wildtier mit einem eigenen Leben und als sehr wichtiger Teil unserer Natur.

 

Wo kann ich mich in Deutschland gegen Wolfsabschussgenehmigungen beschweren:

Schreiben Sie in Ihre Beschwerde am besten Ort, Datum, betroffenen Wolf bzw. Abschussgebiet und – falls bekannt – Aktenzeichen oder Link zur Genehmigung. Wenn der Abschuss unmittelbar bevorsteht, kontaktiere zusätzlich sofort einen Natur oder Artenschutzverband; eine formelle Anfechtung muss gegebenenfalls schnell durch eine klagebefugte Organisation oder betroffene Person geprüft werden.

Wolfsschutzorganisationen in Deutschland

Weitere wertvolle Links zu diesem so wichtigen Thema:

Zu Sebastian Körner:

Für mich gehört er zu den Besten, wenn es um Beobachtungen zu den deutschen Wölfen geht und es wird Zeit das er und andere anerkannte Fachleute endlich mehr Gehör finden als populistische Lobbyverbände, die nur ihrem fragwürdigen Hobby frönen wollen!

Sebastian Körner ist Biologe und Naturfilmer, der seit 2003 die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland mit der Kamera dokumentiert. Über viele Jahre hat er freilebende Wölfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet und gefilmt; seine Aufnahmen wurden in zahlreichen Fernsehbeiträgen zum Zusammenleben von Menschen und Wölfen verwendet. Seit 2007 trägt er nach vorliegenden Angaben auch zum sächsischen Wolfsmanagement bei.

Seine besondere Stärke liegt in der langjährigen Feldbeobachtung und darin, Verhalten und Lebensweise einzelner wildlebender Wölfe filmisch zu vermitteln. In seinem Film Wölfe und Menschen – Wege zur Koexistenz (2025) verbindet er Wolfsbiologie und -verhalten mit Fragen des Wolfsmanagements und des Herdenschutzes. Er ist Regisseur, Autor, Kameramann und Produzent des Films.

Bildergalerie aus der Lausitz: