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Vom Wildtier zum Bettler! Artikel vom 07.03.15 Lübecker Nachrichten

http://www.ln-online.de/Lokales/Lauenburg/Vom-Wildtier-zum-Bettler

 

Autorin Sabine Bengtsson, veröffentlicht Lübecker Nachrichten März 2015

 

Vom Wildtier zum Bettler!
In wie weit müssen wir uns die Frage gefallen lassen, dass menschliches Fehlverhalten mehr mit dem ungewöhnlichen Benehmen des Schmilauer Wolfs zu tun haben könnte, als uns lieb ist?!

 

Der Schmilauer Wolf flieht nicht, wie es seine Artgenossen tun. Der Schritt zum „Problemwolf“ und zum Abschuss ist nicht weit.

Eine Artenschutz-Expertin stellt die Frage, ob menschliches Fehlverhalten die Ursache ist.

 

 

Am Dorfteich stehen wieder Eltern mit ihren Kindern. Sie haben Brot dabei und füttern die Enten. Die kleine Armada setzt sich bei jedem Spaziergänger in Bewegung, der in Sichtweite des Dorfteiches auftaucht. Die Enten haben gelernt – Mensch bedeutet Futter. Ist dies ein Problem?! Wenn man einmal davon absieht, dass Brot für sie ungesund ist und bei zu viel, der Teich mit Nährstoffen überversorgt wird… Es bilden sich vermehrt Algen, der Teich wird grün und stinkt, außerdem kann es bei übermäßigem Brotfüttern bei den Vögeln zu einer Mangelversorgung kommen – Folge: Die Eierschale ist zu dünn zum ausbrüten und die Fische sterben an Sauerstoffmangel durch zu viel Algen. Ansonsten ist es kein Problem!

 

Das ist der umweltbeeinflussende Aspekt, um das Brotfüttern zumindest stark zu hinterfragen, doch ein anderer Punkt ist dabei sehr viel höher zu bewerten, nämlich der Lerneffekt bei Kindern.
Sie lernen dadurch von klein auf ein aktives, eingreifendes Annähern an Wildtiere. Statt mit den Kindern am Teichrand zu sitzen und die Tiere nur zu beobachten, nehmen wir Einfluss auf ihr natürliches Verhalten und verändern es dauerhaft. Die Eltern geben dies an die Kinder weiter, sowohl bei den Enten, um einmal bei diesem Beispiel zu bleiben, als auch bei den Menschen! Bei den Enten verlernen die Küken sich natürliche Nahrung zu suchen und bei den Menschen lernen die Kinder sich Wildtieren auf unnatürliche Art zu nähern und zu beeinflussen.

 

Es gibt unzählige Beispiele, bei denen es nicht mehr so harmlos ist. Wer schon einmal auf Helgoland war oder im Sommer in Travemünde, kennt es. Möwen mit messerscharfen Schnäbeln und extremen Selbstbewusstsein, reißen den Leuten ihre Brötchen aus der Hand. Doch sie haben es von uns gelernt. Mit jedem Bissen, den wir ihnen in die Luft werfen, lernen sie: Mensch bedeutet Futter! Kommt jemand vorbei, der seine Brötchen nicht mit ihnen teilen möchte, wird er attackiert. Die Seevögel können das nicht unterscheiden.

 

Doch wie viele von uns machen sich wirklich bewusst, dass wir an diesem Fehlverhalten der Tiere schuld sind?!

 

Mein erster Besuch in einem Wildpark, ich war vielleicht acht Jahre alt, meine Schwester knapp zwei Jahre jünger: Gleich am Eingang stand ein Automat, bei dem man Futter kaufen konnte.

 

Kaum hatten wir das Freigehege der Rehe betreten, standen sie bereits vor uns und bettelten was das Zeug hielt! In kürzester Zeit war die Packung leer. Doch nun kippte auch die Stimmung, meine Schwester wurde von einem Rehbock in den Schlamm geschubst und damit war unser Ausflug in den Wildpark beendet.

 

Um wieviel schöner wäre es gewesen, wenn die Tiere nicht angefüttert wären. Wenn sie, während man sich in dem Freigehege aufhält, ihren natürlichen Verhaltensweisen nachgehen würden und man sie einfach nur respektvoll beobachten könnte! Doch dazu bedarf es das Bewusstsein, sich damit auseinanderzusetzen, sowohl von dem Wildparkbetreiber, als auch von den Besuchern.

 

Was bedeutet es, wenn wir Menschen, egal in welcher Absicht, das natürliche Verhalten von Wildtieren verändern?!
Was bedeutet es für sie gesundheitlich mit industrieller Menschennahrung gefüttert zu werden?
Und ganz wichtig: Was bedeutet es für die Prägung von Kindern zum Verhältnis zur Natur?

 

In Neuseeland gab es vor ein paar Jahren eine Angriffsserie von Fischen, die jedoch nur auf die linke Pobacke abzielten. Man stand zunächst vor einem Rätsel. Sie ahnen vielleicht schon, worauf ich hinaus möchte. Es gab ein Tauchunternehmen, das Fische anfütterte, damit die Teilnehmer zufrieden waren. Als es diese Tauchfirma nicht mehr gab, übernahm es ein anderer, der mit seinen Gästen an den gleichen Plätzen tauchte, jedoch ohne Futterbeutel an der linken Pobacke hängend!

 

Fische, Enten und Möwen sind händelbar, wenn auch bei Möwen schon schwieriger, doch kommen wir in den Bereich der großen Tiere wie Bären, Krokodile, Haie, Wölfe und viele mehr, spätestens dann sollten wir darüber nachdenken, was eine Verhaltensveränderung durch Anfüttern, von uns Menschen verursacht, bedeuten kann. Im traurigsten Fall werden die Tiere getötet, die durch uns gelernt haben: Mensch bedeutet Futter!

 

In Kanada finden sich haufenweise Warnschilder mit der Aufschrift: Ein gefütterter Bär, ist ein toter Bär! Und dies ist wörtlich gemeint, denn er wird von den Rangern vorsorglich eliminiert. Doch auch das hält manche Menschen nicht davon ab. Da könnte man sich die Frage stellen, wer hier eigentlich eine Strafe verdient hätte?!

 

Bei einer Krokodils-Tour in Australien, wo viele zahlende Gäste den Anspruch haben, etwas geboten zu bekommen, zumindest jedoch ein Krokodil gesehen zu haben, dachten sich die Anbieter: „Hängen wir doch ein totes Huhn an die Angel und wenn dann das Krokodil aus dem Wasser hochspringt um es sich zu holen, können alle ein tolles Foto machen und haben gleichzeitig ein Reptil gesehen“. Sie haben jedoch leider übersehen, dass sie damit den Tieren auch beibrachten, dies ebenso bei einem Angler in seinem normalen kleinen Ruderboot zu tun, der einen Fisch aus dem Wasser hoch zieht. Ein Ruderboot kann dabei sehr schnell kentern und kommt dann der Angler auch in den Magen des Krokodils, heißt es, sie sind mordende Bestien. Kaum jemand wird davon berichten, was die eigentliche Ursache dieses Verhaltens war…

 

Ein gutes Beispiel ist auch das ungewöhnliche Verhalten des Wolfs in Schmilau. Es lässt die Vermutung zu, dass er angefüttert worden sein kann. Den Preis für dieses menschliche Fehlverhalten, zahlt in jedem Fall das Wildtier, selbst wenn er nie aggressiv wird – hier hoffentlich nicht mit seinem Leben…

 

Es wäre wünschenswert, wenn zukünftig mehr Menschen einfach mal, mit ihren Kindern, nur so raus in die Natur, oder zum Teich gehen und dabei passiv bleiben! Beobachten Sie die Tiere zusammen mit ihnen. Ist das nicht viel spannender und aufschlussreicher, als sie zu würdelosen oder nicht kalkulierbaren Bettlern zu machen?!

 

perlenfaenger.com ln artikel

 

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